Situation in Camiri

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Camiri

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Zwei junge Einwohner Camiris zeigen stolz ihre Stadt

Camiri ist die Kleinstadt, in der sich das von uns betreute Projekt PENADER befindet. Einst zählte sie aufgrund ihres Erdölvorkommens zu den reichen Städten Boliviens. Schon ab 1922 kamen Vertreter der Erdölkompanie Standard Oil Co. of Bolivia nach Camiri und in den 30er Jahren wurde die erste Erdölraffinerie dort erbaut. Diese Ereignisse begünstigten einen großen Aufschwung der örtlichen Wirtschaft und führten ebenfalls zur Immigration zahlreicherer Fremdarbeiter aus dem restlichen Bolivien aber auch aus Europa. Über Jahrzehnte hinweg war dieser Wirtschaftszweig in der Kleinstadt in Bolivien vorherrschend und Hauptarbeitsgeber der Bevölkerung. Der wirtschaftliche Erfolg ebnete außerdem den Weg für den Bau zahlreicher Dienstleistungsunternehmen darunter vor allem Banken und Hotels, die weitere Arbeitsplätze schufen. 1994 jedoch kam es mit der Einführung der „Ley de Capitalización“ (= Gesetz zur Kapitalisierung) zu einer Rezession in der Industrie Camiris. Die YPFB, nationale Erdölgesellschaft mit Niederlassung in Camiri, wird weitestgehend privatisiert, was in den folgenden Jahren zu einem großen sozialen Ungleichgewicht innerhalb des Unternehmens führt. Die Wirtschaftskrise in den 80er Jahren und die damit verbundene Inflation tun ihr übriges, um die kritische Situation von YPFB weiter zu zuspitzen. Innerhalb dieses Zeitraums werden unzählige Arbeitsplätze des Unternehmens in Camiri gestrichen, ein Verlust, der bis heute nicht vollständig kompensiert werden konnte. Zwar verfügt die Stadt auch aufgrund ihres hohen Bankenvorkommens weiterhin über wirtschaftliche Anreize, jedoch werden mittlerweile keine großen Investitionen zur Schaffung neuer Unternehmen gewonnen. Viele Einwohner Camiris sind deshalb heute in mittelständigen Unternehmen tätig oder haben keine festen Arbeitsstellen.

 

Das Leben der Kinder in den Unterschicht-Familien

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Die Eltern von PENADER-Kindern mit einem deutschen Freiwilligen

Die bereits beschriebenen wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Stadt Camiri beeinflussen selbstverständlich maßgeblich das Leben der dortigen Einwohner. Das Fehlen von gut bezahlten Arbeitsplätzen aufgrund des spärlichen Vorhandenseins großer Unternehmen führt dazu, dass viele Erwachsene nur durch das Annehmen von Gelegenheitsarbeiten oder schlecht bezahlten Hilfstätigkeiten Geld verdienen.

Die Eltern der PENADER-Kinder trifft man beispielsweise auf der Straße beim Verkauf von Salteñas (kleine gefüllte Teigtaschen, die in Bolivien als Snack gegessen werden) und im Restaurant bei ihrer Arbeit als Kellnerin. Andere betätigen sich als Maurer, Haushälterin oder Köchin. Wie im restlichen Land üblich, werden deshalb auch in Camiri die Kinder miteinbezogen beim Aufkommen für den täglichen Lebensunterhalt. Dabei ist es in vielen Fällen üblich, dass die Kinder ihren Eltern bei deren Arbeit zur Hand gehen, die Tochter einer Köchin hilft ihrer Mutter in der Küche und vertritt diese auch bei Ausfällen. Andere PENADER-Kinder arbeiten unabhängig von ihren Eltern als Verkaufshelfer in einem Geschäft.

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Diese Kinder leben oft für längere Zeit ohne Aufsicht Erwachsener

Die aus diesen Arbeitsverhältnissen resultierende schwierige finanzielle Situation bedroht viele Familien in ihrer Grundstruktur. Es kommt oft vor, dass Kinder nur mit einem Elternteil zusammenleben oder bei einem anderen Familienmitglied, wie beispielsweise Tante oder Großmutter, untergebracht sind. Unter den PENADER-Kindern gibt es einen Fall von vier Cousins, deren Eltern auf der Suche nach Arbeit nach Chile gegangen sind und ihre Kinder bei deren Großmutter zurückließen. Diese alleinstehende Frau im fortgeschrittenen Alter hat keinen Schulabschluss und keine feste Arbeitsstelle und sieht sich nun auf einmal mit der Verantwortung für ihre vier Enkel konfrontiert Das ist eine extreme Herausforderung aber durchaus kein Einzelbeispiel in Bolivien. Dabei kann es durchaus sein, dass die Eltern dieser vier Kinder diese eines Tages wieder zu sich holen, was für die Kinder eine totale Veränderung ihrer Umgebung bedeutet und das Einstellen auf ganz neue Gegebenheiten erfordert. Dieser Wechsel der Verhältnisse ist ein großer Unsicherheitsfaktor im Leben der Kinder, jedoch kennzeichnet er leider viele Elternhäuser der PENADER-Kinder.

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In diesem Haus wohnen zwei der PENADER-Kinder mit ihrer Familie

Auch die Umgebung, in der diese aufwachsen, ist meist problematisch, denn viele Familien leben in ärmlichen Wohngegenden, in denen die Kinder in Kontakt mit schlechten Vorbildern kommen, wie zum Beispiel Drogen konsumierenden Jugendlichen. Und die beengten Räumlichkeiten in den kleinen Häusern dieser Viertel bieten oftmals keinen angemessenen Platz für die ganze Familie, deren Mitglieder sich in manchen Fällen nur ein bis zwei Zimmer teilen. Da fällt es dann auch schwer konzentriert seine Hausaufgaben zu erledigen.

Das Leben der Kinder aus einkommensschwachen Familien wird durch mehrere Unsicherheitsfaktoren bestimmt, wichtig ist es also, ihnen trotz allem Geborgenheit zu vermitteln, eine Aufgabe, die sich die Erzieher des PENADER tagtäglich stellen.

 

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