Arbeitende Kinder in Bolivien

Die wirtschaftliche Situation Boliviens

Im Zentrum Südamerikas liegt das 1.098.581 km² große und laut dem Internationalen Währungsfond (IWF) 2011 etwa 10.64 Millionen Einwohner zählende Bolivien. Der Staat ist zwar reich an Rohstoffen, beispielsweise beherbergt er das weltweit größte Lithiumvorkommen, doch ist er das exportschwächste und ärmste Land des Subkontinents. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug nach Angaben des IWF 2011 ca. 2.315 USD, während es in Deutschland 40.718 USD waren. Zudem ist der Reichtum sehr ungleich verteilt, sodass 2009 51,3% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten und somit mit weniger als zwei USD pro Tag auskommen mussten.luisa peru 063

Zwar mag dies angesichts einer Arbeitslosenquote von nur 5,5% im Jahr 2011 (im Vergleich dazu betrug sie in Deutschland im selben Jahr 6,0%) Unverständnis hervorrufen, doch ist die Unterbeschäftigung in Bolivien ein sehr großes Problem. So verrichten viele Bürger schlecht bezahlte und in unseren Breiten als „Minijobs“ bezeichnete Arbeiten.

Die Rolle der Kinder in den Familien

Vielen Familien ist es nicht möglich, allein mit dem Einkommen der Eltern den Familienunterhalt zu bestreiten, sodass die Kinder schon früh zu arbeiten beginnen. Wie in Statistiken des Auswärtigen Amtes zu finden ist, sind 55% der bolivianischen Bevölkerung Indigene. In der indigenen Kultur wird Kinderarbeit nicht als anstößig betrachtet. Vielmehr sind Kinder bereits vollwertige Mitglieder der Gemeinde und leisten durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen. Die Tätigkeitsbereiche sehen ganz unterschiedlich aus: Viele Kinder und Jugendliche verkaufen Waren auf Märkten DSC06598oder in den kleinen Läden ihrer Eltern, rufen in größeren Städten die Haltestellen in den Bussen aus oder putzen Schuhe von Passanten. Manche verrichten auch körperlich viel anstrengendere Arbeiten und helfen auf Feldern, Baustellen oder in Potosí in den Minen.

Die UNATSBO

Seit den siebziger Jahren gibt es in Südamerika einen Zusammenschluss der arbeitenden Kinder und Jugendlichen, der sich „Unión de Niñas, Niños y Adolescentes Trabajadores“, kurz UNATs, nennt und für die Rechte der Kinder kämpft. Auch in Bolivien ist diese Gemeinschaft zu finden. Unter dem Namen UNATSBO („Unión de Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores de Bolivia/ Vereinigung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Boliviens“) wurde 2006 ihre Existenz besonders wichtig, als der erste mit einer großen Mehrheit gewählte indigene Präsident Boliviens, Evo Morales per Verfassung die Kinderarbeit verbieten wollte. Natürlich wäre eine Welt ohne Kinderarbeit besser, doch DSC06587hätte dieses Gesetz vielen Familien einen essentiellen Teil ihres Einkommens entzogen und nicht zu einem realen Verschwinden der Kinderarbeit geführt. Eher hätten die Kinder und Jugendlichen verfassungswidrig handeln müssen und wären Ausbeutung und Misshandlung schutzlos ausgeliefert gewesen.
Die damals 10-jährige Mónica, die Armbänder knüpft und diese auf der Straße verkauft, um ihre Mutter finanziell ein wenig zu entlasten, suchte gemeinsam mit ihren ebenfalls arbeitenden Freunden das Gespräch mit einigen Abgeordneten und dem damaligen Außenminister. Nach Darlegen ihrer Sicht der Dinge vor der verfassungsgebenden Versammlung kam es zu einem Kippen des Verbots und nun heißt es im Artikel 61, Absatz 2 der Verfassung: „Zwangsarbeit und Ausbeutung von Kindern sind verboten. Aktivitäten, die Kinder im familiären und sozialen Rahmen ausüben, dienen ihrer integralen Entwicklung als Bürgerinnen und Bürger und haben eine bildende Funktion.“ Allerdings fehlen noch neue Gesetze, sodass die UNATSBO 2010 einen eigenen Gesetzesentwurf vorgelegt haben.
Jedoch vernachlässigen viele Kinder ihre im Bildungsgesetz vom 20. Dezember 2012 in Artikel 1, Absatz 8 festgelegte zwölfjährige Schulpflicht, sodass ihre Chancen auf einen beruflichen Aufstieg in ihrem späteren Leben stark beeinträchtigt werden. Doch nicht nur die Schulbildung bleibt auf der Strecke, auch fehlt es vielen Kindern an Sicherheit und Geborgenheit in der eigenen Familie, an Bestätigung und Personen, die ihnen wegweisend zur Seite stehen, da die Eltern wenig Zeit haben.

In Camiri, einer Kleinstadt mit etwa 30 000 Einwohnern im Südosten Boliviens sieht die Situation der Kinder nicht anders aus als in den anderen Teilen des Landes und genau dort befindet sich das von uns betreute Projekt.

 

Interessante Links zum Thema:

„Lasst uns doch in Ruhe arbeiten“ – Bundeszentrale für politische Bildung

„In Bolivien machen arbeitende Kinder erstmals ein Gesetz für ihre Rechte“ – ProNATs e.V.

„Bolivien: Arbeitende Kinder erstellen Gesetzesentwurf für ihre Rechte“ – Kindernothilfe

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.