Wer unser Projekt in Camiri unterstützt, bekommt meist Einblicke in den Alltag der Kinder: Schule, Hausaufgaben, gemeinsames Essen. Weniger sichtbar ist das politische und wirtschaftliche Umfeld, in dem all das stattfindet. In den vergangenen zwei Jahren hat sich in Bolivien viel verändert.
Juni 2024: Ein Putschversuch 🪖
Im Juni 2024 fuhren Militärfahrzeuge vor den Regierungssitz in La Paz. Ein Teil des Militärs versuchte, die Regierung unter Druck zu setzen. Der Umsturzversuch scheiterte schnell, doch die Bilder gingen durchs ganze Land.
Politische Spannungen hatte es schon länger gegeben – unter anderem rund um den ehemaligen Präsidenten Evo Morales (Präsident von 2006 – 2019), der zeitweise im Exil lebte und weiterhin starken Einfluss ausübte. Proteste und politische Blockaden gehörten schon zuvor zum Alltag. Der Putschversuch machte jedoch deutlich, wie fragil die politische Lage geworden war.
Wirtschaftssystem unter Druck 💵
Parallel dazu verschärfte sich die wirtschaftliche Situation. Bolivien hatte über viele Jahre ein System aufrechterhalten, bei dem Benzin, Diesel und weitere Güter zu Weltmarktpreisen eingekauft, im Inland jedoch stark subventioniert wurden. Finanziert wurde das unter anderem durch Einnahmen aus dem Gasgeschäft.
Doch diese Einnahmen gingen zurück. Um die Subventionen dennoch zu halten, wurden unter Präsident Luis Arce nahezu alle Devisenreserven aufgebraucht. Gleichzeitig stieg die Inflation stark an, zeitweise auf über 25 Prozent im Jahr 2025. Preise erhöhten sich, während Einkommen oft gleich blieben.
Das führte zu wachsender Unzufriedenheit – und schließlich zu einem politischen Wechsel.
Oktober 2025: Regierungswechsel 🗳️
Bei der Präsidentschaftswahl wurde die langjährige Regierungspartei Movimiento al Socialismo abgewählt. Neuer Präsident wurde Rodrigo Paz, ein christdemokratischer Politiker, der einen wirtschaftspolitischen Neuanfang ankündigte. Sein Reformprogramm trug den Titel „Kapitalismus für alle“. Ziel sei es, die Wirtschaft zu stabilisieren und neue Investitionen ins Land zu holen.
Der Wahltag selbst hatte eine ganz eigene Atmosphäre. An diesem Tag galt ein Fahrverbot für motorisierte Fahrzeuge. Die Straßen waren ungewohnt still, wo sonst Busse und Motorräder fahren, spielten Kinder Fußball, Nachbar:innen standen zusammen und unterhielten sich (alljährlicher „Día del Peatón“ – Tag des Fußgängers). Es herrschte eine gemeinschaftliche und von Hoffnung geprägte Aufbruchsstimmung.
Ein zentrales Instrument war das sogenannte Dekret 5503 – ein Regierungsbeschluss, der ohne Parlamentsabstimmung sofort in Kraft treten kann. Damit wurden die Treibstoffsubventionen weitgehend abgeschafft und staatliche Kontrollmechanismen im Rohstoffsektor gelockert. Gas, Lithium und andere Ressourcen sollten leichter für private – auch ausländische – Unternehmen zugänglich werden. Für viele Menschen in Bolivien sind diese Rohstoffe jedoch mehr als nur Wirtschaftsgüter: Sie gelten als kollektiver Besitz des Landes.
Steigende Benzinpreise und Proteste ⛽
Mit der Abschaffung der Subventionen stiegen die Benzinpreise sprunghaft an, teilweise auf mehr als das Doppelte. In einem Land, in dem Transportkosten direkten Einfluss auf Lebensmittelpreise haben, blieb das nicht ohne Folgen. Zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 gingen landesweit Tausende Menschen unter dem Motto „Bolivia no se vende“ (Bolivien steht nicht zum Verkauf) auf die Straße.
Insgesamt wurden rund 270 Protestaktionen in allen großen Städten gezählt. In Bolivien sind taktische Blockaden eine übliche Protestform. Zufahrtsstraßen nach La Paz wurden zeitweise gesperrt und Anlagen des staatlichen Ölkonzerns YPFB besetzt, um wirtschaftlichen Druck aufzubauen.
Nach fast vier Wochen nahm die Regierung das Dekret 5503 teilweise wieder zurück. Doch die Preise blieben hoch und einige Wochen später wurde bekannt, dass ein Teil des verkauften Benzins offenbar von minderwertiger Qualität war und Motorschäden verursachte. Zunächst wurde das abgestritten, später räumte die Regierung Probleme ein.
Inzwischen gilt praktisch nur noch das Benzin eines bestimmten Anbieters als zuverlässig – und dieses ist nochmals deutlich teurer. Teilweise kostet Treibstoff heute das Dreifache dessen, was Menschen noch vor kurzer Zeit bezahlt haben. Das betrifft nicht nur Autofahrer. Wenn Benzin teurer wird, steigen automatisch die Kosten für Transporte und damit für Lebensmittel.
Leben mit unregelmäßigem Einkommen ⚒️
In Bolivien arbeiten über 80 Prozent der Menschen im informellen Sektor. Das bedeutet: kein fester Arbeitsvertrag, keine Krankenversicherung, keine Rentenansprüche, keine verlässliche Absicherung. Man verdient oft am Tag das, was man an diesem Tag verkaufen oder erwirtschaften kann.
Wenn Preise steigen, gibt es kein soziales Netz, das das auffängt. Wirtschaftliche Veränderungen schlagen direkt auf den Alltag durch – besonders in ärmeren städtischen und ländlichen Regionen.
Was das für unser Projekt bedeutet 🖐🏼
Für Joven Esperanza bzw. Crece y Sueña bedeuten die Veränderungen zunächst steigende Kosten, v.a. Lebensmittel werden teurer. Das Umfeld ist politisch unruhiger geworden, wirtschaftlich angespannter.
Gleichzeitig wächst die Bedeutung unserer Arbeit. Für viele Familien wird es schwieriger, den Alltag zu finanzieren. Wenn Einkommen schwanken und Preise steigen, wird ein verlässlicher Ort mit regelmäßigen Mahlzeiten und Bildungsbegleitung noch wichtiger.
Auch ganz praktisch spüren wir die Lage. Als unsere Freiwillige Hanna Anfang Februar ankam, konnte Luz – die seit Jahren unsere Freiwilligen vom Flughafen abholt – nur mit Umwegen zum Terminal gelange, weil einige Zufahrtsstraßen blockiert waren. Der Bus nach Camiri musste in Santa Cruz mehrmals umkehren, weil Ausfahrten gesperrt waren.
Unsere Freiwillige Tatja konnte während der Ferien zeitweise nicht frei reisen und musste an einer Stelle sogar die Grenze nach Peru zu Fuß überqueren, weil Straßen blockiert waren.
Trotz der Unsicherheiten läuft die Arbeit in Camiri natürlich weiter. In der aktuellen Situation planen wir vorsichtiger, kalkulieren mit steigenden Preisen und bleiben im engen Austausch mit unserem Team in Camiri. Und gerade in Zeiten wie diesen wird deutlich, wie wichtig langfristige Unterstützung ist.



